Vor der Kamera
 

Drehbuchaufstellung in Einzelarbeit.

Wenn Hitchcock sich nicht gescheut hat, von der Psychoanalyse zu profitieren, warum sollte ein heutiger Drehbuchautor sich nicht die Weiterentwicklung der Psychologie zu Nutze machen? 
VDD-Autorin Dorothea Neukirchen erläutert eine interessante Variante, die Einzelaufstellung.

Drehbuchaufstellungen sind ein Sonderfall der inzwischen weit verbreiteten systemischen Aufstellung. Und der systemische Ansatz steht seinerseits in der Tradition so bekannter projektiver Verfahren wie Rohrschachtest und TAT (thematischer Apperzeptionstest). Im ersten Fall werden unbewusste Inhalte auf Tintenkleckse projiziert, beim TAT  benutzt man Bilder als Medium, und nicht zufällig sind einige davon Hollywoodfilmen entlehnt. Filme sind ja auch eine Projektionsfläche für die Gefühle der Zuschauer und wie wir alle wissen, wirken sie am nachhaltigsten, wenn sie Bilder für das kollektive Unbewusste gefunden haben. Wer im Filmmetier arbeitet, hat sich also ohnehin schon auf das Spiel mit dem Unbewussten eingelassen, der eine mehr, der andere weniger. 
Drehbuchaufstellungen sind nur eine weitere Methode, Unbewusstes für den Arbeitsprozess fruchtbar zu machen. Sie sind eine Projektion des Figurenentwurfs in den Raum. Die Projektion ist nicht länger zwei- sondern dreidimensional und das Verfahren ist ausdifferenziert. Für jede Person und für jeden wichtigen Aspekt wird ein Stellvertreter gewählt und im Raum platziert.  So können Beziehungsstrukturen sicht- und fühlbar gemacht werden. Bis zu diesem Punkt gleicht die Drehbuchaufstellung jeder anderen systemischen Aufstellung.  Danach aber bestimmen die unterschiedlichen Ziele den weiteren Fortgang. 
Während beim therapeutischen Ansatz Konflikte und Verstrickungen einerLösung zugeführt werden sollen, geht es in der Drehbuchaufstellung darum, das dramatische Potential zunächst einmal zuzuspitzen, um es erst später zu einer (möglicherweise tragischen) Lösung zu bringen. Entsprechend kann bei der Drehbuchaufstellung relativ unbekümmert experimentiert werden: 
Man kann versuchsweise zwei Drehbuchfiguren zu einer zusammenfügen, eine Figur in zwei aufsplitten, Figuren sterben lassen oder weitere hinzufügen.... 
Das alles sind Vorgehensweisen, die jeder Drehbuchautor aus seinem Arbeitsprozess kennt.  Nur, dass er hier die Schreibtischeinsamkeit verlassen und die Auswirkung seiner Manipulationen bei den Stellvertretern seiner Figuren abfragen kann. Das passiert meist in einer Gruppe, mit menschlichen Stellvertretern. Doch nicht immer hat man eine ganze Gruppe von Menschen zur Hand. Das Instrument der Drehbuchaufstellung kann man trotzdem nutzen. 
Es ist möglich, das Figurengeflecht eines Exposes oder eines Drehbuchs auch in Einzelarbeit zu überprüfen. Das funktioniert folgendermaßen: Die Autorin schildert zunächst, was sie will und wo sie ihr Problem sieht. Dann wird festgelegt, ob die Anfangssituation des Drehbuchs aufgestellt werden soll oder eine andere. Der Autor verteilt nun seiner Vorstellung entsprechend Karten mit den Namen seiner Figuren im Raum, geht  nacheinander auf die verschiedenen Positionen und fühlt sich dort in die jeweilige Figur ein. Im Grunde genommen ist das etwas, was jede Autorin zumindest ansatzweise auch am Schreibtisch macht. Aber hier wird der Prozess körperlich und ins Sichtbare verlagert. Die Signale, die beim Einfühlungsprozess auftauchen, werden mit dem drehbuchkundigen Leiter der Aufstellung ausgewertet, die Versuchsanordnung wird je nach Analyse modifiziert, anschließend wieder überprüft, usw. 
Der Prozess ist auf jeden Fall spannend, er kann aus Schreibblockaden heraus helfen, neue Aspekte aufzeigen und Umwege ersparen. Doch Vorsicht: Drehbuchaufstellung ist kein Allheilmittel. Sie erspart natürlich weder fundierte Recherche, konkretes Plotten noch gar das Schreiben selbst. Sie ist nur ein nützliches Instrument unter vielen. 
Artikel von Dorothea Neukirchen für SCRIPT 2004

 

Drehbuchaufstellung - Was kann sie und was nicht?  

Landauf landab sind Familienaufstellungen im Gespräch und werden kontrovers diskutiert. Weniger bekannt ist die Variante der Drehbuchaufstellung. Dorothea Neukirchen erläutert, was das eine mit dem anderen zu tun. Sie setzt schon seit einiger Zeit Drehbuchaufstellungen ein und erklärt, und was man als Autor von dieser Technik erwarten kann und was nicht.

Drehbuchaufstellungen sind kein Wundermittel. Sie ersetzen keine fundierte Recherche, kein Plotten und schon gar nicht das Schreiben selbst. Aber sie können Autoren aus Blockaden heraushelfen und neue Aspekte entwickeln. Sie sind sehr nützlich, wenn es darum geht, Figuren zu überprüfen, zu vertiefen und Unstimmigkeiten im Figurengeflecht aufzudecken. 
Jeder Autor weiß, dass seine Figuren irgendwann ein Eigenleben bekommen. Die Drehbuchaufstellung nun gibt ihm die Chance, seine Figuren zu befragen und Antworten von ihnen zu bekommen. Zugegeben, das hört sich ein bißchen nebulös an, aber die Methode hat solide psychologische Grundlagen. Sie gehört zum Kreis der  systemischen Aufstellungen, die vor einigen Jahrzehnten entwickelt wurden und die inzwischen mit Erfolg auch zur Optimierung von Organisationsstrukturen in der Industrie angewandt werden. Die bekannteste Variante der systemischen Aufstellung, die Familienaufstellung von Bert Hellinger ist zwar ziemlich umstritten, aber das hat weniger mit der Methode als solcher zu tun, sondern mehr mit der autoritären Persönlichkeit von Hellinger und mit der mangelnden therapeutischen Nachsorge.  
Glücklicherweise müssen wir uns bei den fiktiven Figuren eines Drehbuchs keine Sorgen um die therapeutische Nachsorge machen. Da die Zielsetzung von Autoren nicht die therapeutische Lösung von Konflikten, sondern ganz im Gegenteil ihre dramatische Zuspitzung ist, macht es nichts, wenn eine Figur dermaßen unter Druck gesetzt wird, dass sie sich im Verlauf der Handlung umbringt. Bei der Drehbuchaufstellung kann also (anders als bei der Familienaufstellung) ziemlich unbedenklich experimentiert werden, bis hin zu der Möglichkeit, aus zwei Figuren eine zu machen, oder eine Figur in zwei aufzusplitten. 
Aber wie funktioniert nun die geheimnisumwitterte Methode? Das Prinzip ist so simpel, dass es schwer fällt daran zu glauben, solange man es nicht selber erlebt hat. Wenn die Drehbuchaufstellung in einer Gruppe stattfindet, wählt der Autor die Stellvertreter für seine Drehbuchfiguren aus den Teilnehmern aus, es sind also Autoren, Regisseure, Schauspieler, Producer und sonstige Filmschaffende. Der Autor konzentriert sich dann auf eine bestimmte Konstellation oder ein bestimmtes Problem in seinem Drehbuch und positioniert die Stellvertreter, indem er sie bei den Schultern nimmt und sie hin und herschiebt, bis er das Gefühl hat, es stimmt so. Nachdem er seine Drehbuchfiguren so gewissermaßen aus seinem Unterbewussten in den Raum projiziert hat, passiert das Merkwürdige: Die Stellvertreter entwickeln auf Grund ihrer Position zueinander sehr präzise Körperbefindlichkeiten und Gefühle, und es kann durchaus sein, dass die im Widerspruch zu dem stehen, was der Autor ursprünglich intendiert hatte. 
Zwei Beispiele aus der Praxis:

  • Alle Figuren fühlten sich wohl an ihrem Platz und hatten keinerlei Wunsch nach Veränderung. Der vom Autor intendierte Konflikt wurde einfach nicht gespürt. Weit und breit kein Drama in Sicht. Schön fürs Leben, fatal fürs Drehbuch. Im weiteren Prozess der Aufstellung wurden dann durch Positionsveränderungen die Konfliktlagen aufgespürt und präzisiert.
  • Ein Autor, für den das Verfahren neu und unheimlich war, ließ sich widerwillig im Figurentableau eines Kollegen aufstellen. Seine Skepsis blockierte jegliche Empfindung und so sagte er, als er nach seinen Empfindungen befragt wurde triumphierend, er fühle überhaupt gar nichts! Interessanterweise spiegelte genau das den Seelenzustand und auch die Schwäche der Figur, für die er da stand. Nachdem ein paar Koordinaten verändert wurden, hörte sein Nicht-Fühlen schlagartig auf.

Was wie Magie anmutet, ist der Zugriff auf ein (vorwiegend) unbewusstes körpersprachliches Wissen, das kollektiv vorhanden ist. 
Aufgestellt werden können übrigens nicht nur Figuren, sondern auch thematische Aspekte. Und manchmal (insbesondere bei Blockaden) kommt der Autor selbst mit ins Tableau. 
Die häufigste Art der Drehbuchaufstellung ist die mit menschlichen Stellvertretern. Sie hat den Vorteil, dass der Prozess bis zur Dialogimprovisation gehen kann und der Autor von den Mitwirkenden wertvolles Material bekommt, das über sein eigenes tieferes Wissen hinausgeht.   
Wer jedoch urheberrechtliche Bedenken, Zeitmangel oder ein anderes Problem hat, der kann sein Drehbuch auch in einer Einzelsitzung aufstellen. Da wird dann mit Hilfsmitteln gearbeitet und der Autor versetzt sich nacheinander in die verschiedenen Stellvertreter – ein ähnlicher Vorgang wie beim Schreiben – nur diesmal strukturierter und unter Supervision. 
Wem das Ganze nun noch suspekt ist, der kann sich in Erinnerung rufen, dass auch fertige Filme nichts anderes sind, als eine Projektionsfläche für die Gefühle der Zuschauer, und dass sie am nachhaltigsten anrühren, wenn sie unter der zeitgemäßen Oberfläche ein Geheimnis transportieren, mit dem sie bis ins kollektive Unbewusste reichen.
Artikel von Dorothea Neukirchen für BLACKBOX 2003 

 

 
 
 
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